Atlas der Reproduktion
Babys, Grenzen, Geopolitik
Wer darf Kinder haben und unter welchen Bedingungen?
Wer wird dabei unterstützt, Kinder zu bekommen, und wer wird daran gehindert?
Was haben Grenzen und Geopolitik mit den intimsten Entscheidungen unseres Lebens zu tun?
4. September 2026 – 25. Oktober 2026
Kornhausforum Bern
Reproduktive Rechte bezeichnen Menschenrechte, die allen Menschen das Recht garantieren, frei, selbstbestimmt und ohne Diskriminierung über ihren Körper, ihre Sexualität und die Frage, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommen möchten, zu entscheiden. Weltweit werden reproduktive Freiheiten, so etwa das Recht auf Abtreibung, zunehmend eingeschränkt, die öffentlichen Debatten darüber sind oft stark polarisiert. Das Ausstellungs- und Buchprojekt «Atlas der Reproduktion» setzt dem einen forschungsbasierten Dialograum entgegen.
Das Projekt basiert auf mehreren Forschungsprojekten zu reproduktiven Ungleichheiten und zu den globalen Verflechtungen von Familienplanung, reproduktiven Technologien, Gesundheit und Mobilität. Die Forschungsarbeiten sind in den letzten Jahren am Geographischen und Sozialanthropologischen Institut der Universität Bern durchgeführt worden. Das Ausstellungs- und Buchprojekt wurde im Rahmen des mLAB in Zusammenarbeit mit dem Institute of Design Research Hochschule der Künste Bern entwickelt. Die Ausstellung findet im Kornhausforum Bern, die Finissage im Polit-Forum Bern und der Filmabend im Kino Rex Bern statt.
Ausstellung
Die Ausstellung «Atlas der Reproduktion – Babys, Grenzen, Geopolitik» kartiert die Verbindungslinien zwischen Geopolitik und den Entscheidungen, die in Schlafzimmern, Gebärsälen und Kliniken getroffen werden. Künstlerische Arbeiten, die auf Forschungsprojekten basieren, thematisieren reproduktive Gerechtigkeit in der Schweiz und an unterschiedlichen Orten der Welt.
Acht Installationen thematisieren zum Beispiel fotografisch, welche Motive spanische Eizellenspenderinnen und russische Leihmütter haben. Sie zeigen filmisch, wie geflüchtete Frauen Schwangerschaft in Schweizer Asylzentren erleben. Oder verbinden mithilfe einer dreiteiligen Videoinstallation die Erfahrungen von Geburtsmüttern aus Sri Lanka mit den Perspektiven von Adoptivkindern in der Schweiz und der Sicht einer Wissenschaftlerin.
Ein dialogisches Programm mit thematischen Führungen, Workshops, einer Living Library, einem Rollenspiel, einer Lecture-Performance, einer Buchvernissage und einem Filmabend vertieft die Themen. Das Schulprogramm, das von der Kulturvermittlerin Manuela Luterbacher, geleitet wird, spricht insbesondere Jugendliche an.
Die Ausstellung wurde von Mirko Winkel vom mLAB des Geographischen Instituts der Universität Bern kuratiert. Die wissenschaftliche Leitung für das Buch- und Ausstellungsprojekt liegt bei Carolin Schurr und Laura Perler. Design und Szenografie wurden von Jimmy Schmid und Nicolo Bernasconi vom Institute of Design Research der Hochschule der Künste Bern entwickelt.
Die Ausstellung basiert auf Forschungsarbeiten von Nicole Bourbonnais, Surangika Jayarathne, Nora Komposch, Yolinliztli Pérez-Hernández, Laura Perler, Carolin Schurr, Milena Wegelin, Susanne Schultz, Veronika Siegl und zeigt künstlerische Installationen von Joachim Clematide, Ewa Einhorn, Anat Eisenberg, Lisa Gehrig, Sarah Hildebrand, Ashish Kulshreshtha, Xictlixocittl Pérez-Hernández, Lucy Sabin, Tamara Sánchez-Pérez, Sven Rufer, Kasia Strek, Armando Zacarías. Für das englische Lektorat der Ausstellung ist Amanda Schmid-Scott verantwortlich. Lukas Batschelet, Amina Cisse und Michelle Hufschmid-Lin haben das Projektteam in verschiedenen Aufgabenbereichen unterstützt.
Finanziell ermöglicht wurde die Ausstellung durch Fördergelder des Schweizerischen Nationalfonds, der Universität Bern, der Fondation Johanna Dürmüller-Bol, von Pro Helvetia, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, des Society in Science – Branco Weiss Fellowship und weiteren.
Zugänglichkeit
Gebäude für Rollstuhl zugänglich, auf Anfrage Toilette vorhanden.
Veranstaltungen teilweise für sehbehinderte Personen zugänglich (Video / Audio vorhanden).
Veranstaltungen teilweise für gehörlose Personen zugänglich (textbasierte Objekte ohne Audio).
Inputveranstaltungen werden leider nicht mit Gebärdendolmetschdienst begleitet.
Programm
Oktober 2026
Do 1.10.14:30Tour und DialogMessy Decisions. (In)Voluntary Sterilisation in Contexts of Precarity
Wann ist eine Entscheidung über eine Sterilisation von Zwang geprägt? Wann findet sie als eigene Entscheidung statt? Und lässt sich das eine vom anderen gerade für Menschen, die unter prekären Bedingungen leben, überhaupt so klar trennen? Am Beispiel der mexikanischen Sterilisierungskampagnen von 1960 bis heute und der proletarischen Sterilisierungspolitik zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland diskutieren wir reproduktive Entscheidungen zwischen freiem Willen und Zwang.
Mitwirkende
- Yolinliztli Pérez-Hernández
- Kena Stüwe
- Laura Perler
Do 1.10.16:00BuchpräsentationGlobal Population Politics and Reproductive Lives
Wie haben globale Bevölkerungspolitiken das Leben marginalisierter Menschen geprägt, und was wirkt davon bis heute nach? Dieser Frage geht die Diskussion an diesem Abend auf Basis der präsentierten Bücher «The Gospel of Family Planning: An Intimate Global History» (Bourbonnais 2025, The University of Chicago Press) und «Reproductive Racism: Migration, Birth Control and the Specter of Population» (Schultz 2023, Anthem Press) sowie der Arbeit «From Troubled Pasts to Occluded Futures: A Clinic-Based Ethnography of Female Sterilisation in Northwest India» (Sahay 2026, Graduate Institute Geneva) nach. Im Zentrum stehen dabei Gruppen im Globalen Süden und Norden, deren reproduktive Entscheidungen durch politische Eingriffe beeinflusst wurden. Anschliessend wird ein Apéro offeriert.
Mitwirkende
- Nicole Bourbonnais
- Susanne Schultz
- Arushi Sahay
- Carolin Schurr
- Maria Moctezuma
Di 6.10.15:00Tour und DialogStimmen rund um transnationale Adoption
Nach einer Tour durch die Ausstellung berichtet Surangika Jayarathne von ihrer Forschung in Sri Lanka. Sie erzählt dabei auch von ihren Begegnungen mit Geburtsmüttern, die ihre Kinder zur Adoption freigegeben haben. Im Anschluss spricht die Sozialanthropologin Andrea Abraham, Leiterin des Instituts Kindheit, Jugend und Familie der BFH Bern, mit zwei adoptierten Menschen aus dem Libanon und aus Südkorea über ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Einsichten zu diesem Thema. Ein Abend, der verschiedene Perspektiven auf Adoption zusammenbringt und Raum für Begegnungen schafft.
Mitwirkende
- Surangika Jayarathne
- Dida Guigan
- Kim Jaehyong Starzacher
- Andrea Abraham
Fr 16.10.15:00Tour und DialogReproduktive Gesundheit in Asylstrukturen
In Zusammenarbeit mit REFPER-Projekt (BFH) und der Brava-NGO laden wir zu einer Tour durch die Ausstellung ein. Die anschliessende Diskussion fokussiert auf die Lebensrealitäten geflüchteter Frauen und deren Zugang zu reproduktiver Gesundheitsversorgung. Im Zentrum steht die Frage, welche Hürden entstehen, wenn reproduktive Gerechtigkeit auf die harschen Strukturen des Asylsystems trifft. Danach moderieren Tahmina Tagjeva und Fatma Leblebici ein Gespräch mit den Besucher*innen.
Bei Bedarf für Flüsterübersetzung bitte bis 10.10.2026 info@atlas-der-reproduktion.ch kontaktieren.
Mitwirkende
- Tahmina Tagjeva
- Fatma Leblebici
- Milena Wegelin
Fr 23.10.15:30Finissage / PodiumsdiskussionFinissage – Wer trägt Verantwortung? Reproduktive Gerechtigkeit im Asylsystem
Ist reproduktive Gerechtigkeit mit den heutigen Asylstrukturen vereinbar? Im Politforum treffen Vertreter*innen aus Politik, Aktivismus und Behörden aufeinander, um diese drängende Frage gemeinsam zu verhandeln. Die Podiumsdiskussion bringt unterschiedliche Perspektiven und Verantwortlichkeiten an einen Tisch und fragt, wer handeln muss, damit reproduktive Rechte keine Frage des Aufenthaltsstatus sind.
Beginn im Kornhausforum mit gemeinsamer Tour durch die Ausstellung; ab 18:30 Podiumsdiskussion im Politforum im Käfigturm.
So 25.10.NachmittagsFilmReproduktive Gerechtigkeit
Im Rahmen des Global Science Film Festival eröffnen unterschiedliche filmische Formen persönliche und vielschichtige Perspektiven auf Elternschaft, Adoption und Abtreibung.
Buch

Sieben Geschichten eröffnen Einblicke in reproduktive Lebenswelten an unterschiedlichen Orten der Welt. Sie erzählen unter anderem von spanischen Eizellenspenderinnen und russischen Leihmüttern im globalen Kinderwunschmarkt; von geflüchteten Frauen, die ihre Schwangerschaft in Schweizer Asylzentren erleben; oder von Frauen aus Polen, die für einen Schwangerschaftsabbruch nach Deutschland reisen müssen.
Jede Geschichte basiert auf ethnographischer Forschung und geht der Frage nach, wer unter welchen Bedingungen Unterstützung erhält, eigene reproduktive Entscheidungen zu treffen. Das Buch zeigt transnationale Verbindungen und hinterfragt, welche Rolle nationalstaatliche, technische und moralische Grenzen dabei spielen. Das Buch macht globale Ungerechtigkeiten sichtbar und fordert reproduktive Gerechtigkeit.
Das Buch wurde von Laura Perler, Carolin Schurr und Mirko Winkel herausgegeben. Es besteht aus einer Einleitung und sieben Kapiteln, die jeweils von professionellen dokumentarischen Fotografien und einer Karte begleitet werden, die die Fallstudien verorten und kontextualisieren. Die Autorin Regina Dürig hat den Schreibprozess begleitet und das literarische Lektorat gemacht. Die Kapitel wurden von den feministischen Geographinnen und Anthropologinnen Surangika Jayarathne, Nora Komposch, Yolinliztli Pérez-Hernández, Laura Perler, Carolin Schurr, Milena Wegelin und Veronika Siegl verfasst. Die Texte werden von Fotografien begleitet, die von Sarah Hildebrand, Ashish Kulshreshtha, Sven Rufer, Lucy Sabin, Tamara Sánchez-Pérez, Kasia Strek und Armando Zacarías aufgenommen wurden. Die Karten sind in Zusammenarbeit mit Jimmy Schmid und Nicolo Bernasconi von der Hochschule der Künste Bern entstanden. Das englische Lektorat wurde von Amanda Schmid-Scott verantwortet.
Das Buch ist ab September im Buchhandel erhältlich. Nach Abschluss der Ausstellung wird es ausserdem als digitale Open-Access-Publikation auf Deutsch und Englisch zugänglich sein. Die Links folgen.
Über
Der «Atlas der Reproduktion» basiert auf Forschungsprojekten, die über die letzten zehn Jahre im Rahmen von oder in Kooperation mit der Forschungsgruppe Sozial- und Kulturgeographie und dem mLAB des Geographischen Instituts der Universität Bern entstanden sind. Der Atlas führt in dem Buch- und Ausstellungsprojekt diese Arbeiten zusammen, um reproduktive Gerechtigkeit aus transnationaler Perspektive sichtbar zu machen und im Schweizer Kontext zur Diskussion zu stellen.
Die künstlerische Leitung des Buch- und Ausstellungsprojekts liegt bei Mirko Winkel (mLAB) und die wissenschaftliche Co-Leitung bei Laura Perler und Carolin Schurr. Alle drei arbeiten seit 2019 gemeinsam daran, neue Formen der Zusammenarbeit und Wissenschaftskommunikation an der Schnittstelle von Kunst, Medien und Wissenschaft zu entwickeln.
